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Wie kommt man dazu, für Geld zu schreiben? 4. März 2010

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches.
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Ich hatte immer das Ziel, aktiv etwas zu tun und nicht nur zu konsumieren. Leider eckt man mit letzterem (Hartz IV beziehen, Bier trinken, RTL gucken und Fresse halten) in unserer Gesellschaft allerdings wesentlich weniger an als unsereins.

Da ich gerne mit Elektronik arbeitete (und nicht nur welche kaufte), las ich Elektronikbastelzeitschriften – und schrieb irgendwann auch Bauanleitungen für diese. Meine erste mit 16 Jahren – die Schaltung noch handgezeichnet in grün, weil kein anderer funktionierender Kuli da war, das Manuskript handgeschrieben.

Unter diesen Umständen eigentlich ein Wunder, daß jemand das Manuskript akzeptierte. Es war auch erst so ziemlich die letzte Zeitschrift, die dafür in Frage kam, die „zuschlug“ (oder sich breitschlagen ließ, wie man’s nimmt), bei der ein recht wilder Redakteur mich und meinen mich damals in diesem Fall ausnahmsweise begleitenden Vater (die Redaktion war in Hamburg, nicht in München, wo ich selbst hingekonnt hätte) empfing.

Auf diese Art verdiente ich mein erstes Geld – Taschengeld hatte es bei uns mangels Masse nicht gegeben, das hatte mein Vater mir all die Jahre immer nur „angeschrieben“, aber nicht ausgezahlt – 10 Pfennig pro Tag. Das bekam ich erst Jahre später, mit Zinsen. Trotzdem hätte ich es damals eher gebraucht.

Erst so – dank der Honorare für meine Basteleien – konnte ich mir nun auch mal Dinge im Wert über 2 oder 3 Mark kaufen, wie einen Kassettenrekorder. Und natürlich war diese Art Schülerjob besser, als bei McDonalds zu arbeiten – auch wenn man da vielleicht eher hübsche Mädels kennengelernt hätte. Statt nach Senf und Ketchup roch ich nun aber nach Kolophonium (vom Lötzinn).

Die Zeitschrift – „PE – Populäre Elektronik“ – gibt es längst nicht mehr. Sie wurde später von Hamburg nach München zum Vogel-Verlag verkauft und in „HC – Mein Home-Computer“ umbenannt. So die offizielle Formulierung von Vogel – tatsächlich wurde sie einfach ratzfatz zugemacht. Ich las davon in der Uni-Bibliothek, fuhr sofort zum Verlag und erwischte den Redakteur gerade noch beim Ausräumen des Schreibtischs – darunter mein Musteraufbau für ein Digitalthermometer, das automatisch zwischen Außensensor und Innentemperatur umschaltete.

So etwas gibt es heute für weniger als 10 Euro fertig zu kaufen mit zwei Displays, ohne Umschalter und mit Funkanbindung. Damals allerdings war das noch nichts, was man fertig kaufen konnte – ich hatte es mit teuren Bauteilen aus einem besonders sparsamen Digitalvoltmeter-Baustein (Intersil 7136 – für den, dem das noch etwas sagt), einem LC-Display, das es in einem Entwicklerkit dazu gab, ebenso eine Platine für den Musteraufbau, und einem besonders sparsamen Umschaltverstärkerbaustein desselben Herstellers zusammengebaut. Wäre ich ein paar Minuten später gekommen, wäre mein teurer (etwa 70 DM) Musteraufbau weg gewesen.

Ich konnte die Bauanleitung später in der Elrad des Heise-Verlags veröffentlichen, mußte dafür aber noch ein eigenes Platinenlayout entwickeln (damals machte man das manuell im Maßstab 2:1 auf karierter mattierter Polyesterfolie mit schwarzen Krepprollen!), belichten, ätzen und bestücken, also nochmal einen Bauteilesatz investieren.

Auch diese nahm ein unrühmliches Ende – sie wurde an einen Herrn Bruchmann verkauft, der mit seinem Verlag dann prompt auch Bruch machte – betrügerischen Konkurs – und mit den kläglichen Überbleibseln in den Süden entschwand. Die Redakteure erhielten dagegen kein Gehalt mehr und waren arbeitslos.

Glücklicherweise hatte ich für den Bruchmann-Verlag nicht gearbeitet. Für Heise dagegen auch später noch, im neuen Jahrtausend auch als festangestellter Redakteur.

Daß aus dieser Methode, mir zur Schulzeit etwas Geld zu verdienen und später das Studium zu finanzieren, auch mein Beruf werden sollte, hatte ich damals allerdings nicht geahnt

Oft warnte man mich: „Geh in die Industrie, komm nicht zu uns, wir haben kein Geld“. Das war schon 1985 so. Aber welcher Jugendliche hört schon auf gute Ratschläge?

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