jump to navigation

Frank Schätzing – Der Schwarm 16. Mai 2010

Posted by DL2MCD in Rezensionen.
trackback

Vermutlich bin ich so ziemlich der letzte Mensch, der nun endlich Frank Schätzings Erfolgsbuch „Der Schwarm“ gelesen hat. Es war ja nun bereits vor einigen Jahren der Öko-Thriller des Jahres, beschäftigte sich vor seiner Zeit mit den Tücken des Methanhydrats – und bekam noch einmal Aktualität durch das Tsunami-Unglück Weihnachten 2004, weil auch die Auswirkungen eines Tsunamis in diesem Buch beschrieben sind.

Ich mußte mir das Buch dann immerhin auch nicht kaufen – es war im Bekanntenkreis selbstverständlich vertreten. Aber es war etwas, das ich immer wieder aufgeschoben hatte, aus Zeitmangel. Doch wollte ich wissen, wie ein deutscher Erfolgsroman mit wissenschaftlich tauglichem Hintergrund aussehen kann.

Es gibt auch noch ein „weißes Buch“ von Schätzing zu dem Thema, in dem er seine Recherchen dann nicht romanschriftstellerisch, sondern als Sachbuch verarbeitet hat. Das habe ich noch nicht gelesen: Die Kollegin, die es hatte, ist leider keine Kollegin mehr.

Es ist somit klar, daß Frank Schätzing durchaus der deutsche Michael Crichton werden könnte, einen Autor, den ich sehr schätze, weil er auch gut recherchierte Wissenschaft mit Thriller-Elementen verband, beispielsweise in „Prey (Beute)„, in dem es übrigens auch um einen Schwarm geht. Da „Prey“ bereits 2002 erschien, war es sicher auch Ideengeber für „Der Schwarm“. Allerdings schrieb Crichton mit „Welt in Angst“ später auch ein umstrittenes Buch, das ebenfalls im Meer spielt und inhaltlich völlig konträr zu Schätzings Schwarm ist.

„Der Schwarm“ ist mit knapp 1000 sehr klein bedruckten Seiten sehr zeitintensiv; in den Wochen, wo ich ihn im Zug las, blieben mir jede Menge Zeitschriften liegen. Außerdem ist die kleine Schrift auch etwas anstrengend, wenn man müde ist oder nicht optimal sieht.

Doch das Buch kann durchaus begeistern – in den ersten zwei Dritteln. Gegen Ende hin wurde mir die gruslige Kriegs-Karrieristin Li und die dahinterstehende USA-Kritik etwas nervig – ok, das Buch wurde in der Ära „George W. Bush“ geschrieben, aber nachdem ich einige Jahre bei einem Magazin war, bei dem täglich mehrfach derartiges Anti-USA-Schreiben zum Programm gehört, langweilt es mittlerweile einfach.

Insgesamt wird „Der Schwarm“ zum Ende hin einfach zu zäh und langatmig. Beim neuesten Schätzing-Roman „Limit“ beschweren sich viele über zuviel Langatmigkeit, und auch mit den wissenschaftlichen Fakten steht es da schlechter, aber mir ist es schon beim „Schwarm“ aufgefallen.

Auch irgendwie nervig ist Schätzings Anti-Attitüde, etliche seiner Helden – vor allem junge, hübsche und intelligente Frauen, kurz nachdem er detailliert ihre sexuelle Aktivität bejubelt hat, in Katastrophen sterben zu lassen. Rache? Lesererwartungen enttäuschen? Nicht Hollywood-Kitsch schreiben? Ich weiß es nicht, aber irgendwie stört es, wenn es zum wiederholten Mal passiert.

Wenn Schätzing sich anstrengt und den „Schwarm“ qualitativ noch überbietet, könnte er sicher einen sehr guten Wissenschafts-Thriller zustandebringen. Allerdings ist er wohl mittlerweile viel zu gefragt, um dazu noch einmal die Zeit und Ruhe zu finden und hat auch so sicher genug verdient…einen Plagiatsvorwurf eines Wissenschaftlers, weil Schätzing Formulierungen von dessen Website 1:1 übernommen hatte, wurde von der Staatsanwaltschaft schließlich verneint. Inzwischen existiert die Website des Wissenschaftlers nicht mehr.

Kleine Fakten-Ungenauigkeiten gibt es übrigens auch bei Frank Schätzing…so schreibt er an einer Stelle, als ein Motorradfahrer auf den wandernden Krebsen ins Schleudern kommt, dieser könne das Steuer noch herumreißen. Nun, soviel weiß sogar ich vom Motorradfahren, daß man da nichts „herumreißen“ kann, weil nunmal in erster Linie durch Gewichtsverlagern gelenkt wird – das Steuern muß hierzu passen. Wer schon rutscht, der kann da gar nichts mehr „herumreißen“…

Advertisements

Kommentare

1. Ulf J. Froitzheim - 19. Mai 2010

Und im übrigen heißt das Steuer bei Zweirädern „Lenker“. 🙂

Gefällt mir

DL2MCD - 20. Mai 2010

„Lenker“ hat Schätzing auch geschrieben, hab grad nochmal nachgesehen, das Steuer war dann von mir. Aber es heißt wörtlich

Hooper hörte Linda schreien und riss den Lenker herum. Um Haaresbreite schlitterten sie an der chromverzierten Kühlerhaube vorbei. Die Harley drehte sich. Nach wenigen Sekunden gelang es Hooper, das Motorrad zu stabilisieren.

Und das will ich mal sehen, wie das gehen soll: Auf glitschigen Krabben mit dem Motorrad ins Rutschen kommen, aber mal eben schnell den Lenker herumreißen (hey, das bringt nicht mal beim Auto noch was, wenn man bereits rutscht!! Außer mit ABS vielleicht…), dabei noch erkennen, wie chromglänzend eine Motorhaube eines Pickups ist, und „nach wenigen Sekunden“ immer noch nicht am Boden liegen, sondern die Maschine wieder zu stabilisieren. Wenn Herr Schätzing mir den Stunt vormacht, dann kauf‘ ich auch sein nächstes Buch 🙂

Aber für die Geschichte spielt es keine Rolle, denn da das Motorradpärchen zuvor wilden Sex on the Beach hatte (nein, nicht den Cocktail), und dabei (vom Satelliten aus!!) beobachtet wurde, muß es natürlich kurz darauf sterben. Das geht nämlich irgendwie allen in dem Buch so: Sie werden dabei beobachtet (klar, wie soll Schätzing sonst genau die Details beschreiben, ohne sich zum Schweinigel zu machen – ist mal keine Kamera da, zieren sich die denn auch, die Frauen sterben aber später trotzdem), und kurz drauf sind sie tot. Nur wer 1000 Seiten lang anständig bleibt, überlebt.

Gefällt mir


Sorry comments are closed for this entry

%d Bloggern gefällt das: