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Journalismus – zum Leben zuwenig, zum Verhungern zuviel… 21. Juni 2010

Posted by DL2MCD in Pleiten, Pech und Pannen.
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Neulich war ein sogenanntes „Network Meeting“ des Journalistenverbands angesagt. Ach nein, man sprach sogar teils deutsch:

Einladung zum Netzwerktreffen „MedienLounge“

Es war also immerhin ein Netzwerktreffen, und kein Network Meeting. Allerdings mußte es dann eine MedienLounge sein – sicher so ein Wesen wie die KollegInnen, bei denen ich immer vergeblich nach den KollegAußen Aussicht (oder Insicht?) halte.

Aber jetzt keine Dudeneien, sondern zum Thema:

Eigentlich sagt man ja, Journalisten tun gar nichts anderes, als zu netzwerken. Zu reden, zu ratschen, dabei die neuesten Gerüchte und Branchenneuigkeiten auszutauschen. Siehe auch der zweitkürzeste Journalistenwitz:

Gehn zwei Journalisten an ’ner Kneipe vorbei…

Was der kürzeste Journalistenwitz ist? Dieser:

Treffen sich zwei Journalisten auf Arbeit…

Doch heute ist dem nicht so. Journalisten haben schon lange nicht mehr Zeit, geschweige denn Geld für die Kneipe.

Dementsprechend war das Treffen auch nur mies besucht, etwa 10 Kollegen kamen. Ok, vielleicht lag es auch daran, daß der Betreff der Einladungsmail nur lautete:

BJV – Einladung BZV München-Oberbayern, FG Freie und FG Online

Das klingt natürlich tierisch sexy, da macht dann keiner mehr die Mail auf zwischen all den Pressemeldungen. Obwohl die ja meist auch nicht besser sind:

Betreff: Neue Pressemeldung

Text: Im Anhang senden wir Ihnen unsere neueste Pressemeldung mit Neuigkeiten aus unserem Unternehmen

Anhang: Neue Pressemeldung mit Bild.doc (27 MB)

Damit man ja nicht herausfindet, um was es eigentlich geht (Neu sind Pressemeldungen meistens, und wenn sie alt sind, steht auch „Neu“ dran) und erst das fette Attachment aufmachen muß, um festzustellen, daß es leider völliger Müll im falschen Ressort gelandet ist. Also besser gleich DEL drücken.

Ach ja, ich ratsch rum. Klar, bin ja auch Journalist. Zurück zum Thema!

Also an dem besagten Netzwerkabend kamen nur eine Handvoll versprengte Kollegen, denen es nicht nur am Geld (Standard), sondern auch an den Aufträgen mangelte (seltener) und die hofften, hier fündig zu werden. Ausgerechnet unter anderen Verlorenen…

Ein junger Mann war darunter, der herausstach, noch voller Träume, mit leuchtenden Augen, der an der Katholischen Universität Eichstätt Journalismus studierte und nun etwas über die Praxis erfahren wollte. Dafür war er extra von Eichstätt bei Ingolstadt angereist. Oh der arme Kerl. Er muß von der Realität ziemlich geschockt worden sein.

Der nächste Kollege hatte mir selbst noch vor ein paar Monaten einen Job bei seinem Chef verschaffen wollen. Da hätte ich nach einem netten Gespräch mit dem Chefrdakteur eine Kolumne schreiben können. Also sowas wie hier, nur (igitt!) für Geld. Allerdings war dummerweise davon beim Nachgucken plötzlich keins da, deshalb gab es dann auch keine Kolumne.

Dabei ist es mir aber noch gut ergangen. Der Kollege, der mir Gutes tun wollte, saß zu dem Zeitpunkt bereits reduziert auf einer Halbtagsstelle, obwohl er eine Frau und zwei Kinder ernähren muß.

Und aus dem Nichts sprach eine Stimme zu mir und sagte:

Sei fröhlich

und sorge Dich nicht

denn es könnte schlimmer kommen!

Und ich war fröhlich

und sorgte mich nicht

und es kam schlimmer…

Inzwischen sitzt er auf einer Viertelstelle! Warum?

Nun, inzwischen sah der Verleger nach, stellte ebenfalls fest, daß kein Geld da ist, stufte den Chefredakteur zum Redakteur zurück, weil der von dem nicht vorhandenen Geld zuviel ausgegeben hatte und den Halb-Redakteur zum Viertel-Redakteur.

Der nächste Kollege kam mit den Worten herein

Gestatten, xxxx, bekannt von Film, Funk und Arbeitsamt!

Ein weiterer Kollege, der mich zu dem Abend überredet hatte, kämpft seit Jahren mit den mickrigen Honoraren, die selbst für wissenschaftliche Fachartikel selten über 100 € / Druckseite gehen. Mit Bildmaterial. Online natürlich noch weit weniger.

Er bemüht sich daher seit einiger Zeit, ein eigenes Projekt zu betreiben. Doch heute schrieb er mir:

Hallo,

erstmal danke für Deine 2 Mails und Deinen Anruf.

Aber zu XXX: Da hab ich leider für Dich keine guten Nachrichten. Seit Wochen geht es mir finanziell nicht gut; die Rechnungen stapeln sich.

Ich weiß, es wird Dir nicht gefallen, aber ich kann (zumindest bis auf Weiteres) keine Autoren bezahlen. Das trifft aber nicht nur Dich, sondern auch alle anderen, die für mich schreiben.

Das gefällt mir selbst nicht, aber ich kann nicht anders. (Außer Du wärst mit einem Autoren-Honorar von einer oder zwei CDs zufrieden.)

Ich weiß sehr wohl, dass Du auch Geld brauchst. Aber bitte verstehe, dass ich im Moment keine Artikel annehmen und veröffentlichen kann.

Ich hoffe, die Lage bessert sich bald wieder und Du hast Dir nicht schon die Mühe gemacht, was Neues zu schreiben. Das täte mir sehr leid.

Und so erging es auch dem Rest aus unserer Gruppe der verlorenen Seelen. Mit Ausnahme derjenigen, die „es hinter sich haben“ und das Rentenalter lebend erreicht haben. Und zuvor angestellt waren, sodaß sie auch eine Rente bekommen. Freiberufler müssen dagegen weiterackern, bis sie im Sarg liegen.

Mir sagte schon in meiner Studentenzeit ein Redakteur:

Geh in die Industrie, komm nicht zu uns, da bekommste nix.

Ich hätte damals drauf hören sollen.

Aber im Alter wird man ja angeblich weiser.

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