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Im Journalismus sind Frauen stets der letzte Dreck 8. September 2010

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches.
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Chefs, die sich in private Dinge einmischten, hatte ich öfter. Mit einer Ausnahme war das jedoch durchweg im Journalismus.

Dabei waren diese entweder der Ansicht, a) ich hätte keine Ahnung von Frauen, b) meine Partnerin gefalle ihnen nicht, c) mir stünde laut Arbeitsvertrag keine Partnerin zu, weil mich das am ausreichenden Einsatz bei ihnen hindere (!), oder aber d), ich hätte nichts anderes im Kopf (als Sex).

Die Chefs waren dabei entweder sexuell hyperaktiv oder so misantrophisch, daß sie Sex prinzipiell ablehnten. Obwohl sie dann natürlich trotzdem eine Frau, eine Freundin und mehrere Kinder hatten. Oder die Sekretärin geschwängert hatten.

Wenn es um „Frauenthemen“ ging, gab ich die natürlich stets meinen Kolleginnen, beispielsweise die Geschichte des Lebens von Mileva Einstein. Das Thema war von meiner Partnerin gekommen, doch wenn ich es selbst geschrieben hätte, wäre das komisch gewesen – Männer dürfen keine Frauenthemen schreiben.

Doch dann kam eine Ausnahme:

Eie Kollegin hatte sich sehr über eine Firma aufgeregt, bei der man Demonstranten mieten konnte – und zwar nach Körbchengröße sortiert.

Die Ursache: Die Firma vermietete bislang Hostessen. Doch auch da war das sexistisch.

Die Kollegin traute sich aber nicht, selbst das Thema anzugehen – es war ihr zu „heiß“, sie ging davon aus, daß dann alle Machos prompt über sie herfallen würden im Forum des Verlags. Sie bat mich als Mann, mich da ins Kreuzfeuer zu begeben, das erschien ungefährlicher.

Ich schrieb also über diese mißglückte PR-Aktion.

Mein Chef rastete komplett aus, beschimpfte mich, ich habe schwüle Sex-Phantasien und sei außerstande, den politischen Aspekt dieses Themas aufzudröseln. Ja wer bot denn Mietdemonstranten nach Körbchengröße an? Ich doch nicht! Also wo war ich da sexistisch? Und politisch war daran nunmal rein gar nichts, das war eine reine PR-Aktion.

Mein Chef ließ mich den Artikel 3x umschreiben und löschte ihn schließlich. Was dann später Spiegel online schrieb, durfte ich nicht.

Heute haben die Mietdemonstranten keine Körbchengrößen mehr. Die Hostessen aber immer noch.

Die Kollegin, die das Ganze sexistisch fand, wollte mein Chef weiterhin unbedingt als Autorin und Herausgeberin. Mich nicht mehr.

Daß sie allerdings mit ihm nicht mehr zusammenarbeiten wollte – das verstand er nicht. Ist doch völlig normal, Frauen (und auch Männer, dabei müßte es da ja eher nach P…länge gehen?) nach Körbchengröße zu vermieten – nur so sexistische Individuen wie ich haben daran was auszusetzen…

Nein, im Journalismus gelten Frauen leider nichts. Und ich werde mich mit Sicherheit nie mehr an ein „Frauenthema“ machen. Darf man als Mann nicht, da meckern nicht nur die Frauen, sondern vor allem die Männer. Von echten „Sexthemen“ ganz abgesehen. Über Sex dürfen nur Frauen journalistisch schreiben, jeder Mann, der das tut, ist ja eine „notgeile Pottsau“. Sagen die Männer, nicht die Frauen…

Den Qualitätsjournalismus, den mein Chef dagegen gerne gesehen hätte – also eine 1:1-Wiedergabe der Pressemeldung des Anbieters mit pseudokritischem, die PR-Aufmerksamkeit auf die Aktion erhöhendem Aufregen über den Verkauf der Grundrechte auf öffentliche Meinungsäußerung – brachten dann die Kommerz-TV-Sender RTL, Sat1 und N24. So schön sind sie dem Anbieter auf den Leim gegangen, daß dieser selbst diese TV-Beiträge bei Youtube hochlud.

So ein Lob des Anbieters hätte mein Chef halt auch gerne gehabt. Statt so eines kritischen Artikels, der am Ende noch Ärger macht. Offiziell war er für kritischen Journalismus – aber nicht bei Körbchengrößen. Er würde Frauen halt wohl auch nach Körbchengröße anheuern. Um die Texte so richtig auf den . zu bringen – oder doch eher die (.) (.) …?

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