jump to navigation

Telefonterroristen und die Bundesnetzagentur 2. September 2013

Posted by DL2MCD in Mal was Positives, Nervensägen.
trackback

Ich werde seit vielen Jahren telefonisch mit Werbeanrufen belästigt. Fax und E-Mail natürlich ebenso, doch Telefon ist am Schlimmsten, da es mich in der Arbeit unterbricht (oder im Feierabend) und die Anrufe immer aggressiver und ausfallender werden, mit Beschimpfungen und Bedrohungen. Teils kommen auf ISDN sogar zwei Werbeanrufe gleichzeitig herein.

Das Ganze begann mit einem „Verlag“ (tatsächlich war es ein krimineller Einzelkämpfer), bei dem ich als Journalist für Telepolis, Heise-Verlag ein Buch über Ebay rezensieren wollte. Das Buch bekam ich nie, allerdings kassierte der „Verlag“ einfach alle meine beruflichen Kontaktdaten (Telefon, Fax, E-Mail) mit den Worten „ich muß ja wissen, ob Sie auch wirklich für den Heise-Verlag arbeiten“, nur um sie dann zu verkaufen bzw. auf eine CD mit „an Gewinnspielen Interessierten“ pressen zu lassen.

Danach brachen die Werbeanrufe auf eine meine Arbeit bedrohende Weise auf mich herein, störten Gespräche mit meinem Chef, sogar Live-Telefoninterviews, 20 Anrufe am Tag waren keine Seltenheit. Besonders unangenehm fiel die SKL auf, für Lotterielose wurde mir nicht nur ein Schäferstündchen angeboten (siehe die Telepolis-Artikel), es drohte mir auch ein Anwalt der SKL. Glücklicherweise wurde die SKL- und NKL-Telefonwerbung ja mittlerweile verboten, dennoch wurden von dort die Daten dann auch weiter verkauft.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als über die Thematik Artikel zu schreiben, anstelle der eigentlich geplanten Themen. Als eine meiner Autorinnen als Hartz-IV-Bezieherin in ein Call-Center geschickt wurde, schrieb auch sie darüber, sozusagen als „Wallraff“. Sie wurde prompt dazu gezwungen, ebenfalls solche Telefonwerbung zu machen und man erzählte ihr, dies sie legal. Zumindest die übelsten Abzockanrufe verweigerte sie.

Ich hoffte, dass so die Call-Center wieder von mir ablassen würden, wenn bekannt war, dass ich darüber berichte, doch trotz gelegentlicher erstaunlicher Kooperationen (z.B. Information darüber, dass die SKL-Sperrvermerke prinzipiell erst im Gespräch sichtbar würden statt vor dem Anruf und es daher technisch für die Call-Center nicht möglich sei, störende Anrufe auf der Sperrliste zu vermeiden, wenn man für die SKL telefoniere) wurde es noch schlimmer – ich war nun der Feind dieser Branche, obwohl ich eigentlich einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte und ohnehin nie am Telefon etwas kaufte – mache ich aus Prinzip nicht – womit es völlig sinnlos war, bei mir anzurufen.

Mit der Rückkehr in ein normales Büro (für Telepolis arbeitete ich von zu Hause aus) bekam ich diese dauernden Anrufe nicht mehr mit, außer bei Krankheit. Meine Partnerin ging schon lange nicht mehr ans Telefon, wenn auf meiner Nummer angerufen wird.

Schlimm war es nun nur noch in Einzelfällen, wenn Leute, die eigentlich wirklich mit mir einen Kontakt hatten, sodaß es nach ihrer Ansicht kein „Cold Call“ mehr war, über die Stränge schlugen. So rief der Provider 1&1 nach der Kündigung des DSL-Anschlusses über Monate täglich dutzendfach per Computer an, um mich zum Bleiben zu überreden, was ich aber mangels Anwesenheit gar nicht annehmen konnte, und beim Rückruf auf der hinterlassenen Nummer hatte ich dann ein Inbound-Call-Center am Telefon, das nichts zu den Anrufen des Outbound-Call-Centers sagen konnte außer dass diese nicht aufhören würden, bis ich einmal den Anruf erfolgreich angenommen habe. Das war aber unmöglich, weil es meist nur 2x klingelte. Die täglichen vielfachen Anrufe von 1&1 machten meine Partnerin schier verrückt, sie endeten erst mit Ablauf des DSL-Vertrags.

Ein zweiter, eindeutiger Missbrauch kam von meinem Mobilfunk-Provider Talkline. Der rief mich immer öfter auf meinem Handy an, dessen Nummer ich gar nicht nach außen gab: Ich nutzte die Talkline-Flatrate damals für meine beruflichen Telefonate, weil berufliche Nutzung einer Telekom-Festnetz-Flatrate damals noch verboten war.

Das alleine war schon irritierend, weil wirklich niemand auf diesem Handy anzurufen hatte – es war von mir ja nur für abgehende Telefonate bestimmt und wenn dann gleichzeitig reguläre Anrufe kamen, wurde es kompliziert mit nun drei Leitungen – 1x Handy und 2x ISDN.

Noch irritierender war aber, dass Talkline mit mir plötzlich über immer abseitigere Themen sprechen wollte – mal war es eine Krankenversicherung, mal die Targo-Bank, die mich schon durch E-Mail-Spam nervte. Nur zu meinem Mobilfunkvertrag konnte man mir ums Verrecken nichts sagen, was ärgerlich war, wenn ich schon jemand von Talkline am Telefon habe.

Tatsächlich stellte sich dann heraus: es waren Call-Center, die meine Nummer von Talkline hatten (sonst hatte sie ja niemand) und sich als Talkline ausgaben, um keine „Cold Calls“ zu machen, aber eben völlig mobilfunkfremde Werbung betrieben. Ich habe dann die Anrufsignalisierung des Handys abgeschaltet – was natürlich keine Lösung wäre, wenn ich auf dem Gerät Anrufe erwarten würde.

Seit etwa 2010 ist aber ein neues Problem aufgetreten: Da ich eben unter meiner Nummer gar nicht mehr hinging, wenn keine Nummer angezeigt wird, und meine Partnerin meinen Anschluß tagsüber nicht mehr beantwortete, wenn ich in der Arbeit bin, riefen die Werber nun auf der Nummer meiner Lebenspartnerin an und verlangen dann dort mich.

Sie mußte hingehen, da ihre Mutter aus USA ohne angezeigte Rufnummer anruft. Nur konnte sie kaum Deutsch und konnte mich auch nicht ans Telefon holen, wenn ich 90 km entfernt in der Arbeit bin. Und dann begann die Sache ekelhaft zu werden:

Zunächst warf sie mir vor, ich hätte meinen Namen mit ihrer Nummer bei Gewinnspielen eingetragen. Habe ich natürlich nicht, warum sollte ich das tun? Aber die Telefonwerber erzählen ihr das.

Und dann beschimpfen sie sie, dass sie wegen Hartz IV so einen Scheißjob im Call-Center machen müssten, aber ich Arschloch hätte noch einen Job und wäre im Büro und nicht zuhause und sie würden so Punkte verlieren (in ihrem Call-Center-Ranking, weil sie bei mir umsonst anrufen und nichts verkaufen könnten). Ich sollte doch gefälligst auch mal wieder arbeitslos sein und selbst ans Telefon gehen.

War ich mal krank und zuhause, bemerkte ich diese neue Anrufflut erst, wegen der meine Partnerin nun gar nicht mehr ans Telefon ging, was auch ihre Arbeit beeinträchtigte. Sich eine neue Telefonnummer geben zu lassen, wäre keine Lösung, da die vorhandene ja gerade in vielen Branchenverzeichnissen eingetragen ist und sie dann auch die erwünschten Anrufe verlieren würde, die Telefonwerber aber auch irgendwann die neue Nummer herausbekämen.

Zudem schimpfen die Telefonwerber dann immer und werden pampig, wenn meine Partnerin zwei Minuten braucht, um mir das Telefon zu bringen, weil unter ihrer Nummer natürlich sie hin geht und ein Weiterverbinden auf unserer Anlage nicht möglich ist.

Um herauszubekommen, woher diese völlig falsche Eintragung kommt (selbst wenn ich zuhause bin, bin ich nur unter meiner Telefonnummer erreichbar, nicht unter ihrer, und meine Partnerin muß mich dann immer erst mühselig ans Telefon holen, weil sie ja diese Nummer in ihren Räumen annimmt, während ich eben gerade nicht hingehe, wenn für sie und nicht für mich angerufen wird – dazu haben wir ja gerade unterschiedliche Nummern!), habe ich dann mal eins der „Angebote“ angenommen, „MK Multi Kompakt“ von „Ekomedia“. Eine hustende Call-Center-Dame, die gar nicht mehr sprechen konnte und ein türkischer „Chefredakteur“ namens Menekay mit mäßigen Deutschkenntnissen. Und ein völliges Schrottmagazin. Man findet Anrufe dieses „Unternehmens“ auch auf Youtube aufgezeichnet (Suche nach „Kay Uwe Meyer“).

Die Kündigung des Schrottmagazins wurde akzeptiert, doch die Datenquelle rückt Herr Menekay leider nicht heraus. Somit ist es mir nicht möglich, eine weitere Verbreitung der falschen Daten zu stoppen. Da schützen alle diese Telefonterroisten ihre Quellen, obwohl es ihnen ja nichts einbringt, nach mir unter einer Nummer zu verlangen, unter der ich nicht erreichbar bin.

Danach war ich wieder normal im Büro und vergaß die Sache. Man hat ja noch anderes zu tun.

Doch am 17.4.2012 war ich krank zuhause, erkältet. Und erhielt wieder unter der Nummer meiner Partnerin einen Anruf der „Rechtsabteilung“ einer Firma „Call A Sprint“, eines Herrn Schneider, angezeigte Telefonnummer 0693785147, der aber nicht nach ihr, sondern nach mir verlangte. Dieser erzählte mir, meine Telefonnummer (die ja gar nicht meine ist, sondern die meiner Partnerin) sei bei Gewinnspielen in Spanien, Griechenland und der Türkei eingetragen (fremdsprachige Werbeanrufe hatte ich aber nie). Für 2 x 52 € könne man mich da von 12 auf 3 Monate runterstufen, anschließend könne man meinen Eintrag löschen, sonst würde ich den nie los (auch diese Dialoge finden sich unter „Kay Uwe Meyer“ auf Youtube, übrigens auch, wie sich Callcenter als Bundesnetzagentur ausgeben!!!). So ich denn niemals telefonisch an Gewinnspielen teilgenommen hätte. Das würde man nun nachprüfen.´

„Natürlich“ kam dann heraus, ich hätte den Gewinnspielanrufen zugestimmt (wie sollte ich denn, wo es ja gar nicht meine Telefonnummer ist?!?) und sei ein „dreckiger Lügner“. Der Anrufer wurde nun sehr pampig, meinte, ich solle mich gefälligst selbst mit den Gewinnspielfirmen abgeben und hängte auf. Bis dahin hatte ich keine Stimme mehr, ich hatte 39°C Fieber, bin nur ans Telefon, weil ich dachte, es sei mein Arbeitgeber. Bei einem Vortrag, den ich am nächsten Tag in Dresden halten musste, fehlte mir die Stimme prompt.

Am 27.4., einem Samstag, war ich schließlich wieder zuhause, da es ja kein Werktag war. Hier rief nun nach demselben Schema (Anruf auf der Telefonnummer meiner Partnerin, aber nach mir verlangen) mit der Nummer 030 609 856 106 ein Callcenter an, das Schutz vor Zahlungsverpflichtungen aus Werbeanrufen und vor den Anrufen selbst mittels eines Anwaltsteams und eines Nummernfilters versprach.

Nun hatte ich ja nie etwas bestellt, also gab es auch keine Zahlungsverpflichtungen aus Werbeanrufen. Ich wollte nur endlich keine Anrufe und Beschimpfungen mehr. Das Filtergerät hätte an meiner ISDN-Anlage ohnehin nicht funktioniert. Es sollte 3 x 66 € kosten, auch noch per Nachnahme einkassiert.

Nach 10 Minuten wollte man noch mal zurückrufen, zur Bestätigung. Allerdings hatte ich mittlerweile eine Darmgrippe und saß nach 10 Minuten auf einem gewissen Ort – ohne Telefon. Und auch ohne große Lust, das Angebot tatsächlich noch wahrzunehmen – zuerst wollte ich den Betrug noch recherchieren, was ja nur mit Annahme des Angebots möglich gewesen wäre, weil man sonst die Adresse nicht herausbekommt, doch habe ich nie mehr als 50 € Bargeld im Haus und es war mir zuviel Aufwand, wegen der Barnachnahme auch noch extra Bargeld beschaffen und für meine Partnerin bereitlegen zu müssen und Nachnahmegebühren zahlen zu müssen. Ich hasse Nachnahme! Und es wäre ja zumindest schwierig gewesen, die dann mit den Gebühren mindestens 80 € wiederzubekommen.

Dies hatte zur Folge, dass das Callcenter nun pausenlos anrief, computergesteuert, es auf beiden ISDN-Leitungen gleichzeitig dauerklingeln ließ. Wenn der Anrufbeantworter ansprang, rief das Callcenter gleichzeitig sofort auf der zweiten Leitung an, sodaß das Klingeln eine Stunde lang gar nicht mehr aufhörte.

Meine Partnerin verzweifelte und nach eine halben Stunde beschwerten sich auch die Nachbarn, wann endlich wieder Ruhe sei, weil es ein sonniger Tag war und wir die Fenster auf hatten. Doch es ging bis Samstag abend um 18 Uhr weiter, dann mit Anrufen nur noch alle 5, 10 und schließlich 15 Minuten.

Seitdem gab es noch etliche weitere Anrufe, bei denen ich aber nicht mehr die Geduld hatte, mir das länger anzuhören – teils aus Italien in miserabler Tonqualität, und wenn man dann nichts versteht, wird man angeplärrt „Sind Sie vielleicht taub oder was?!?“. Direkt aufzulegen oder nicht hinzugehen hilft nichts, weil dann immer wieder angerufen wird. Eher noch, das Telefon beiseitezulegen, doch ist man dann immer nur eine Firma los, und es gibt ja noch so viele andere…

Hier geht es gar nicht mehr darum, dass alte, demente Leute über den Tisch gezogen werden. Ich habe bis heute durch all die Anrufe nichts gekauft und man hat mir auch – obwohl meine Bankdaten den Anrufern jeweils angeblich bereits vorlagen – nichts abgebucht. Das hätte ich ja auch zurückbuchen lassen. Doch die Anrufe selbst sind nicht mehr zu ertragen!!!

Im Sommer 2012 meldete ich dies dann schließlich der Bundesnetzagentur, obwohl ich mir davon wenig versprach, weil die Telefonnummern ja oft gefälscht werden, auch wenn dies verboten ist. Doch am 8. August 2013 bekam ich tatsächlich Antwort von der Bundesnetzagentur:

Mitteilung über den Abschluss eines Verfahrens wegen unerlaubter Telefonwerbung unter Anzeige der Rufnummer (0)30 609856106

Sehr geehrter Herr ,

in vorbezeichneter Angelegenheit komme ich auf Ihre Beschwerde wegen unerlaubter Telefonwerbung zurück. Sie hatten sich an die Bundesnetzagentur gewandt und unerlaubte Werbeanrufe ausgehend von der o. g. Rufnummer angezeigt.

Auf Ihre Beschwerde hin hat die Bundesnetzagentur ein Ordnungswidrigkeitenverfahren gegen die für die Anrufe verantwortliche Jurassist JAD GmbH eingeleitet und ein Bußgeld in Höhe von 4.000,00 Euro festgesetzt. Ich möchte Sie nun darüber informieren, dass der Bußgeldbescheid rechtskräftig geworden ist. Zudem erhält das Unternehmen einen Eintrag in das Gewerbezentralregister.

Telefonwerbung ohne vorherige ausdrückliche Einwilligung des angerufenen Verbrauchers ist verboten und stellt gemäß der §§ 20, 7 Abs. 2 S. 2 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) eine Ordnungswidrigkeit dar. Die Bundesnetzagentur nimmt insbesondere präzise Hinweise auf Verstöße gegen das Verbot der unerlaubten Telefonwerbung, wie den von Ihnen eingereichten, gerne entgegen. Für Ihr Engagement möchte ich Ihnen an dieser Stelle ausdrücklich danken.

Mit freundlichen Grüßen

René Henn

Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen
Pressestelle
Tulpenfeld 4
53113 Bonn

Es lohnt sich also, solche Anrufe zu melden, die auftragebenden Firmen sind bei der Bundesnetzagentur schnell bekannt durch viele gleichlautende Beschwerden und werden auch tatsächlich belangt.

4000 € sind für mich viel, für einen Telefonterroristen wenig, doch im Wiederholungsfall dürfte es weit teurer werden.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: