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Nicht alle Tassen im Schrank 14. Oktober 2013

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches.
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Journalisten müssen wegwerfen können. Alleine der erheblichen Mengen von Pressemeldungen wegen, die täglich eintrudeln – sicher 30 cm je Redakteur, als sie noch per Post kamen. Nützlich für bösartige Indendanten, die ihre Abmahnungen dann gezielt auch als freigestempelte Pressemitteilung aufmachten und so unerkannt zwischen die 150 täglichen Pressemitteilungen mogelten.

Doch auch ein Archiv ist wichtig. Sowohl von Recherchematerial als auch von alten Zeitschriften. Doch seit jeher ungeliebt: Als Abonnenten extra zur Funkschau nach München fuhren, um etwas in einer Ausgabe der 50er-Jahre nachzuschlagen, schimpften meine Kollegen „Hoffentlich sind diese alten Knacker bald unter der Erde!“. Ja klar, der Leser, der Abonnent, der die Rechnung zahlt und sein Abo damals noch dem Sohn vererbte, der störte ungemein beim Computerspielen und Nasebohren, wenn er es wagte, einfach vor Ort in der Redaktion aufzukreuzen!.

Die Kollegen waren erfolgreich: Heute gibt es kaum noch Abonnenten, alles wird von Werbung finanziert. Und weil die knapp ist, ist das Geld knapp.

Richtig kraß wurde es aber, als die Funkschau von München Karlstraße, günstig am Hauptbahnhof gelegen, nach Poing umziehen mußte, an den A… der Welt:

Da war nun das ganze Inventar aus über einem halben Jahrhundert Funkschau zu verpacken. Auch Töpfe, Bratpfannen und Geschirr aus der Küche.

Aber nein. Kochen ist ja schließlich bäh! Stattdessen schmiss das vom Stelv leider komplett versaute Redaktionsküken alles jubelnd unter großem Getöse in den Müllschlucker: Töpfe, Pfannen, Herdplatte, Kaffeekanne, Kaffeetassen, Löffel, Messer…weg mit dem alten Scheißdreck!!!

Der Hausmeister war ziemlich sauer, der die 2 m Schutt vor dem Abriß des Gebäudes wieder aus dem nun blockierten Müllschlucker entfernen mußte.

Und natürlich gab es in Poing dann keine Kaffeetassen mehr, keine Kaffeelöffel, und auch nichts zu essen: Weit und breit war damals außer einem überteuerten Jugoslawen im Haus keine ohne Auto erreichbare Eß- oder auch nur Einkaufsmöglichkeit – und selbst wenn, die Töpfe und Pfannen waren ja nun auch weggeworfen.

Die Verlagsleitung schnitt nämlich gleich noch einige ihrer Ansicht nach alte und völlig überflüssige Zöpfe ab:

Ihr sollt hier arbeiten und nicht essen!!!

– mit diesen Worten wurde uns erklärt, warum es am neuen Standort keine Kantine mehr geben werde. Da hätte man sie nun gebraucht, in der Innenstadt konnte man ja auch in Restaurants gehen.

Die Damen schnippelten sich zu Mittag in Schüsseln mitgebrachten Salat, ich konnte ab 15 Uhr vor Hunger nicht mehr arbeiten.

Später spendierte die Geschäftsleitung eine Mikrowelle. Tiefkühlfraß zum Füllen derselben mußte man von zuhause mitbringen.

Doch das Wegwerfen von Geschirr ist in Verlagen ganz normal, wie ich andernorts erleben durfte. Dort war die Küche gleichzeitig der Raucherraum, sodaß normale Menschen ihre benutzten Tassen dort weder ausspülen noch in die Spülmaschine stellen konnten, sondern nur mit angehaltener Luft reinrennen, abstellen und schnell wieder rausrennen angesagt war. Doch das Geschirr wurde von den Rauchern natürlich nicht gespült, sondern – manchmal nach und manchmal vor dem Versenden von Rundmails – weggeschmissen!

Ehrlich: Wie kann man sich in einer vor Qualm wabernden Küche noch vor dreckigem Geschirr ekeln? Da ist doch längst alles begast und entkeimt. Allerdings sollte man aus solchen tiefenvergifteten Tassen trotzdem nichts mehr trinken, insofern war das Wegwerfen wohl doch nicht ganz falsch…

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