jump to navigation

Futterneid 16. Juni 2014

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches.
trackback

Es gab neben manchem Leser auch einen Chef, der ernsthaft auf mich neidisch war und damit indirekt Namensgeber dieses Blogs wurde. Ob in Sachen Arbeitsausstattung – die er vom Verlag bekam, ich mir dagegen auf eigene Kosten kaufen mußte -, ob in Sachen Privatleben – er hatte eine Frau, Kinder und eine Freundin, ich nur eine Freundin, aber gerade das erschien ihm wohl besser -, ob in Sachen Behausung – er hatte ein Haus in Altötting und eine Wohnung in München, doch dank ihm verlor ich fast meine einzige Unterkunft, was in den Heise-Foren dann auch noch breit ausdiskutiert wurde 😦 -, ob in Fragen der Verschuldung – die bei mir nach dem Job höher war als zuvor, teils durch die privat zu beschaffenden Testgeräte, weil er Leihstellungen als „korrupt“ ansah, teils wegen des erwähnten Wohnungs-Theaters – und nun wohl auch höher als seine, oder eben in Sachen artgerechte Ernährung.

Bei Redakteuren hat diese aus Döner, Currywurst oder McDoof-Fraß zu bestehen, eine wirklich gute Kantine gibt es nur bei Axel Springer in Hamburg. Die braucht man dort aber auch, weil man zwischen 9 Uhr früh und 1 Uhr nachts kaum mal die heiligen Hallen verlassen darf, nicht mal bzw. erst recht nicht für einen Arztbesuch. Zumindest verhungern muß man dann also nicht, dafür stirbt man schon mal am Arbeitsplatz.

Das ist allerdings Luxus im Journalismus. Fast alle anderen Verlage sind von den Innenstädten, wo man genügend Möglichkeiten hat, essen zu gehen, in irgendwelche Vorstadt-Industriegebiete umgezogen. Da kann man schon froh sein, besagte Currwurst zu ergattern. Auch Heise saß mit Telepolis in so einer Diaspora – es gab nur einen Dönerstand in der Nähe, sonst nichts. (Inzwischen gibt es nach einem weiteren Umzug nicht mal den mehr).

Freie Journalisten wiederum sind ohnehin am Verhungern, weil bei ihnen das Portmonnaie leer ist. Insbesondere im Rentenalter helfen dann nur gute Kontakte beim Überleben, weshalb denn auch auf jeder Pressekonferenz, bei der es irgendwas zu essen gibt, dieselben älteren Kollegen auftauchen, von denen allgemein bekannt ist, daß sie längst nicht mehr veröffentlichen, aber immer am Buffet stehen.

Wen wundert da, daß Journalisten so gerne mit Pressekonferenzen mit angegliedertem Mittagessen geködert werden? Auch wenn so nur die Falschen angelockt werden. Eine Redakteurstätigkeit endete auch an der Verfressenheit des neuen Chefs: Er filzte systematisch die Post, um auf jede für mich bestimmte Einladung gehen zu können – und war dann dort absolut fehl am Platz, ging Veranstalter und den anderen Teilnehmern unsäglich auf den Wecker, weil es nun mal Technikseminare waren und keine Journalistenabfütterungen und er dann die ganze Zeit nur maulte, wann denn endlich die Party losginge und dieses blöde Technikgequatsche ein Ende habe…

Deshalb hat mich das immer angeekelt: Ich gehe auf eine Veranstaltung, wenn mich das Thema auch wirklich interessiert. Nicht des Essens wegen. Zumal die Fahrt von meinem Wohnort in die Hauptstadt alleine schon fast 25 € und einen halben Tag kostet. Mit Verdienstausfall sind so fix 50, 100 € weg. Dafür kann ich hier draußen besser essen gehen oder noch besser selbst kochen als bei der Journalistenfütterung auf einer FressePressekonferenz.

Auch habe ich genug erlebt, als daß man mich mit sowas irgendwie beeindrucken oder gar beeinflussen könnte. Natürlich schätze ich ein gutes Essen. Aber das ist es dann auch.

Doch wenn ich bei Telepolis zu Terminen aus dem Hause Burda ging, kam immer so ein schleimiges

Mei, da gibt’s immer so gut zu essen!

Gibt es nicht. Bei meinem ersten Burda-Termin war ich fast am Verhungern, es gab nur Popcorn. Nur die Ehrengäste, die in Hinterräumen mit Verona Feldbett Mittagessen bekamen, wurden edel verpflegt. Aber da hätte ich niemals sein wollen, ich konnte die Frau noch nie ausstehen. Ich war nur da hin gegangen, weil mein Kollege Thomas Pany, der eigentlich eingeladen war, nicht hingehen wollte. Heute ist mir auch klar, warum…

Ich schrieb trotzdem einen ausführtlichen „Partybericht“, bei dem ich viele meiner Kollegen würdigte, auch wenn ich gar nicht dabei gewesen war, was man schon an den Bildunterschriften bzw: Quellennachweisen erkennen könnte, wenn Telepolis die nicht inzwischen überall abgehackt hätte. Weder in der „Studentenbude“ von Dr. Hubert Burda, noch beim „Playboy“-Abend. Bei ersterem war ich gar nicht eingeladen, bei letzterem längst viel zu k.o. und zu weit weg wohnend, um diesen Termin wahrnehmen zu können. So blieb mir dann auch die Grippe erspart, die sich viele Kollegen einfingen.

Die Leser liebten den Bericht, der Chef allerdings nicht. Leider kannte ich die Hintergründe nicht: Florian Rötzer hatte einst bei Burda an der Akademie 3000 teilgenommen und war dort mit Burda über Kreuz geraten – so heftig, daß er eben nicht mehr eingeladen wurde. Er wollte also nicht, daß ich auf Burda-Veranstaltungen gehe oder gar darüber berichte. Nur sagte er dies nicht im Klartext, sondern warf mir immer wieder vor, mich bei Burda vollfressen zu wollen 😦

Ich wurde noch öfter zu Burda-Veranstaltungen eingeladen. Ich kannte Jochen Wegner seit vielen Jahren, den Gründer des Jonet, der seinerzeit Focus-Online leitete. Ich ging hin, da Kontakte für Journalisten wichtig sind und ich mir auch Sorgen um die Zukunft von Telepolis machte – das Geld wurde knapp, sagte man mir. Leider nahm ich allerdings die Option nicht wahr, in Jochens Team zu wechseln, wollte bei Heise bleiben. Diese Arbeitgebertreue hat mir öfters im Leben Ärger bereitet, im Journalismus werden nur Leute geschätzt, die gehen.

Dann sollte ich sogar Jochen Wegner für Telepolis interviewen, doch Florian Rötzer mißfiel, daß ich mit Jochen Wegner befreundet war. Nur deshalb hätte ich überhaupt ein Interview bekommen, aber man darf ja im Journalismus keine Freunde haben, das ist korrupt. Ich hätte also Jochen Wegner schlecht machen müssen, das wollte ich natürlich nicht, also ließ ich das mit dem Interview bleiben.

Doch dafür durfte ich nun von der nächsten Burda-Veranstaltung nicht mehr berichten. Und mußte angeben, was ich zu Mittag bekommen hatte. Eine Bockwurst mit Senf war es, wobei der Senf mehr auf meinen Fingern gelandet war als auf der Wurst, und eine Semmel. Im nächsten Moment wollte der Hausherr Dr. Burda mir persönlich die Hand geben und ich mußte unauffällig schnell den Senf an einer (Papier-) Tischdecke abwischen, während mein Kollege mich danach fragte „Wer war das denn?“. Nee, klar, man muß den Gastgeber als Journalist ja nicht kennen…

Ich bekam die Anweisung, zukünftig jede nicht selbst gekaufte Speise anzugeben. Wohlgemerkt, Telepolis zahlte weder Reisespesen noch Verpflegung. Aber gerade deshalb hatte man so Angst darum, ich wäre mit Essen zu bestechen.

Als ich dann auf den Münchner Medientagen bis nachts um 23.30 unterwegs war und da dankenswerterweise eine Brokkolicremesuppe mit Semmel von einem Veranstalter bekam, gab es wieder Knatsch. Ich solle mir mein Essen gefälligst selber kaufen und mich nicht aushalten lassen. Verdammt nochmal, ich war froh, nach einem langen Tag etwas zu essen zu bekommen und nicht noch um 1/2 1 zu McDoof in Riem fahren zu müssen. Immerhin hatte ich ja noch 1,5 h Heimweg vor mir! Und kann McDoof-Fraß nicht ausstehen, aber wo sonst hätte man um die Uhrzeit noch etwas bekommen?

Als nun 15 Jahre Telepolis gefeiert wurde, was wurde da von allen Beteiligten besonders erwähnt? Genau, das Essen 😦

Und warum war Florian Rötzer eigentlich so auf die Assoziation Burda – gutes Essen versessen?

Tja, das erzählten mir später mal die Leute von Burda: Er hatte das Buffet daselbst seinerzeit so nachhaltig geplündert, als ob er noch nie eins gesehen hatte, daß das sogar unter Journalisten, die Buffets durchaus überdurchschnittlich heimsuchen, unangenehm auffiel – und er deshalb nie wieder eingeladen wurde…

Aber mir wegen einer Bockwurst mit Senf und Semmel statt eines vernünftigen Mittagessens auch noch Ärger machen… :-(.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: