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Mit dem Leser reden oder ihn klicksteigernd pöbeln lassen? 8. Juli 2014

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches.
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Die Handhabung der Leserforen bei der Süddeutschen wurde schon oft kritisiert: Nachts kann dort nichts gepostet werden. Schlimm für besoffene Trolle, die sich so richtig auskotzen wollen und daran aufgeilen, daß der Redakteur morgens vom Chef eins auf die Mütze bekommt für das, was sie ins Forum gekippt haben. Schade natürlich auch für Leser, die einfach nur schlaflos sind und nachts eher Zeit zum Kommentieren hätten.

Leserbriefe gab es schon immer, erfreuliche, konstruktive ebenso wie spinnerte und drohende („Ich werde vor dem Verlag auf Sie warten!!“). Anständige Redaktionen veröffentlichen nur dafür geeignete, unfaire Chefs veröffentlichen gezielt unfaire Leserbriefe, um einen Redakteur zu schassen. Im Normalfall werden Leserbriefe aber eben nicht automatisch veröffentlicht.

Mit den Posts in Kommentarforen ist es anders. Die werden bei manchen Zeitschriften inzwischen moderiert, was auch unerfreulich sein kann (beim „Focus“ erscheint kaum ein Kommentar, auch wenn er konstruktiv ist). Bei dem Verlag, der die Kommentarforen unter den Artikeln einführte, Heise (nicht Spiegel online, wie Stefan Plöchinger glaubt), wird dagegen praktisch alles veröffentlicht, was ins Forum gekippt wird. Wenn dabei ein Autor oder Redakteur angepöbelt und verleumdet wird, umso besser: Das bringt Klicks und damit Werbegelder. Bei Heise tragen die Foren 60% der Klicks bei, die Artikel nur 40%. also ist auch klar, daß dem Verlag die pöbelnden Trolle mehr wert sind als die angegriffenen Mitarbeiter.

Nun mag man auf Selbstregulation und Demokratie pochen. Und natürlich sind auch bei Heise die Mehrzahl der Forenteilnehmer in ihren Posts konstruktiv. Getrollt wird vor allem bei Politikthemen und natürlich Apple vs. Microsoft.

Doch werden Angriffe gegen Mitarbeiter nicht gelöscht, nur deren Antworten.

Und die Chefs picken sich genau die verleumderischen Postings heraus, um ihre Mitarbeiter unter Druck zu setzen.

Sowas nennt man „Trolle füttern“.

Damit eskaliert die Sache, was dort leider gewollt ist.

Und zwar über den Heise-Job hinaus.

Wenn ein Troll einmal solchen Erfolg hatte, steigt er dem Ex-Heise-Redakteur auch zu anderen Medien nach und macht es ihm unmöglich, weiter online zu arbeiten.

Außer vielleicht bei der Süddeutschen, die ihre Redakteure in Schutz nimmt und nicht Trollen zum Fraß vorwirft.

Wo die ursprüngliche Hoffnung der Foren ernst genommen wird, nämlich einen Dialog mit dem Leser führen zu wollen.

Bei Heise bekommt man dagegen gesagt, die Kommentare solle man nicht lesen und schon gar nicht darauf antworten. Passend zu den Trollen, die ihre Posts oft mit dem Satz beginnen „Ich habe den Artikel nicht gelesen, aber…“.

Dort geht es ja auch nicht um einen Dialog mit dem Leser. Nicht mehr. Es war vor knapp 20 Jahren mal so gedacht. Heute geht es nur noch um Klicks.

Leider liegt auch Stefan Plöchinger nicht ganz richtig: Diskussionen auf Facebook zu verlegen, kann auch nicht die Lösung sein. Damit unterwirft man sich und die eigenen Daten bzw. die der Leser einer weiteren externen Instanz. Doch ist mir das Konzept der „SZ“ definitiv lieber als das von Heise, wo das Gehalt zum Schmerzensgeld wird…

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