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„Du kannst hier doch nicht einfach den Löffel fallen lassen!!!!!!“ 21. Juli 2014

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches, Nervensägen.
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„Urlaub??? Was ist das?“

Diesen Satz bekommt man in deutschen Büros häufig zu hören, in deutschen Verlagen eigentlich durchweg – da gibt es nur wenige Ausnahmen.

Wo ich im Journalismus keine Probleme mit Urlaub hatte, war während meiner Zeit bei PC-ONLiNE und beim Elektronikjournal. Das war es dann aber auch.

Bei ComputerBILD war Urlaub tabu (wer dennoch in Urlaub ging, wurde spätestens nach 2 Tagen erbost aus irgendeinem nichtigen Anlaß angerufen und in die Redaktion zurückzitiert) und schon für Krankschreibung bekam man umgehend die Papiere. Ja schon der Arztbesuch war verboten. Die Arbeitszeit betrug selbst nach versuchter (aber wegen der Kündigungsdrohung abgelehnter) Krankschreibung durch den Betriebsarzt noch 23 Stunden am Stück. Ich habe es zumindest überlebt…dabei aber viel Lebenskraft eingebüßt…andere hatten weniger Glück 😦

In einem Marketingjob zuvor war ich nach 14 Tagen Malediven-Urlaub prompt viele meiner Aufgaben los, weshalb ich von mir aus zu ComputerBILD gewechselt war.

Bei der Elektronikpraxis war ich an dem Tag unten durch, in dem ich meine Partnerin ins Krankenhaus bringen mußte. Verdacht auf Embolie, mit 30% Sterberisiko, das ist doch kein Grund, „mal einfach einen Tag Urlaub zu nehmen“!!! Wie es gewesen wäre, dort einen richtigen Urlaub von zwei oder gar drei Wochen zu beantragen, will ich lieber gar nicht wissen. Zuvor hatte ich schon hämische Sprüche hören müssen, „ich wolle mich jetzt wohl ausruhen“, weil ich „nur“ noch bis 19 Uhr abends arbeitete, nicht mehr bis 21 Uhr, wie bei PC-ONLiNE. Wobei selbstverständlich niemand sonst, nicht mal der Chef, noch um 19 Uhr im Büro war. Und auch da hatte ich offensichtlich noch Glück

Bei Telepolis schaltete ich morgens aus dem Bett gestiegen den Rechner ein und abends wieder aus, wenn ich zurück ins Bett kroch. Immerhin ohne den Streß wie bei anderen Medien, nämlich im Home-Office. Da nervten nur die ständigen Werbeanrufe von SKL & Co.

Geschätzt wurde meine Arbeit dennoch nicht, die Wochenenden waren auch zu arbeiten, selbst Samstag abend um 21 Uhr telefonierte man noch mit Autoren – als ich einmal Samstag/Sonntag eine zukünftige Autorin besuchte und in jenem Vorort von Dresden keinen Mobilfunkempfang hatte, war dies der Anfang vom Ende: Einfach am Wochenende offline zu gehen, das ging gar nicht! Das durften im September nur die (bzw. der) Kollege mit Kindern. Die zukünftige Autorin war entsetzt über die Folgen des Treffens und weigerte sich danach, auch nur einen Artikel zu schreiben, weshalb mir das Ganze auch noch als Ausrede eingestuft wurde.

Weihnachten, Silvester, Ostern und Pfingsten war ich selbstverständlich auch immer im Dienst.

Der Höhepunkt war aber jedesmal das Theater, wenn Urlaub anstand: „Du kannst hier doch nicht einfach den Löffel fallen lassen, es muß für jeden Urlaubstag ein aktueller Artikel parat sein!!!“.

Tja, dann ist es aber kein Urlaub mehr, denn aktuelle Artikel müssen ja aktuell geschrieben werden und nicht zwei Wochen vorher…abgesehen davon, daß die dann notwenige doppelte Schlagzahl gar nicht zu schaffen ist…

Daß der Chef es in diesem Fall tatsächlich selbst so hielt, also auch selbst im „Urlaub“ weiterarbeitete, mag man ihm zugute halten, machte die Sache aber für uns nicht wirklich besser.

Wer es im Journalismus wagt, in Urlaub zu gehen, muß also die ganze Zeit unter Palmen um seinen Job fürchten.

Man sollte sich also vor der Wahl dieses Berufs darüber im Klaren sein, daß man die Welt eventuell beruflich kennenlernt – meist aber nur die Redaktionsstube – aber nicht mehr privat. Jedenfalls, wenn man nicht vor die Tür gesetzt werden will.

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