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Persönliche Kontakte sind im Online-Journalismus tabu, Telefonieren auch… 2. März 2015

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches, Pleiten, Pech und Pannen.
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Die ganzen Jahre im Journalismus war es immer wichtig, vor Ort zu recherchieren, die Objekte der Berichterstattung persönlich zu besuchen.

Im Online-Journalismus ist dies nicht so: Hier sind jegliche persönlichen Kontakte tabu, gelten als „korrupt“, als „Spezlwirtschaft“, als „Kungelei“. „Die Leute kennen uns doch, da mußt Du nicht hinfahren, setz Dich gefälligst an den Computer und schreib!“. Oder „Kannst Du nicht mal ein Interview mit Jochen Wegner machen, den kennst Du doch – aber nein, das geht ja nicht, dann machst Du ja Hofberichterstattung“.

Also man braucht Kontakte, um im Journalismus arbeiten zu können, aber man darf wiederum keine Kontakte haben.

Daß Florian Rötzer mich für meine Arbeitsweise haßt und bis heute verachtet, obwohl sie der üblichen journalistischen Arbeitsweise entspricht, liegt hier begründet: Ich habe noch richtigen Journalismus gelernt, in dem man zwar Pressemitteilungen verwenden kann, um Facts in einen Artikel einzustreuen, so man sie verifizieren kann, aber in dem man nicht einfach alles aus dem Web abschreibt (aus einer anderen Sprache merkt Google das ja nicht), sondern auch selbst dazu recherchiert.

Zur Gründung der Piratenpartei fuhr ich deshalb nicht mehr nach Berlin, ich hatte genug Ärger dafür bekommen, zur Verkündung des Parteiprogramms der Grünen nach Berlin gefahren zu sein und damals die Veröffentlichung von Florian Rötzer untersagt bekommen. Man dürfe sich ja nicht mit dem Objekt der Berichterstattung gemein machen und da persönlich erscheinen.

Natürlich machte dann jemand anders die Piraten-Story und ich hatte gleich nochmal dicken Ärger. 😦

Ebenso tabu war es aber auch, Autoren persönlich zu treffen. Einige wollten das von sich aus, doch Florian Rötzer war darüber immer sauer, wenn ich mich mit Autoren traf oder diese gar persönlich kannte. Man hatte immer am Computer zu sitzen und zu schreiben, aus.

2006 wollte ich auch eine Autorin für die „Weltraum“-Rubrik von Telepolis gewinnen. Eine Fachfrau, an höherer Stelle im Bildungswesen, zuständig für den Astronomieunterricht, den es in einigen der neuen Bundesländern ja auch heute noch gibt – eines der wenigen Überbleibsel der DDR, aber sehr sinnvoll.

Diese wollte mich dazu treffen, konnte aber leider in den Sommerferien nicht, da sie da jeweils das neue Schuljahr zu planen hatte. Stattdessen zu Schulbeginn, im Herbst.

Eine Zeit, die ich schon seit der Schulzeit hasse: Der Sommer ist rum, es wird kalt, und es bricht bis Weihnachten ohne Pause totale Hektik aus. Zu meiner Schulzeit – und heute als normaler Arbeitnehmer – gab es hier außer dem Buß- und Bettag keinen Feiertag, von den November-Trauertagen einmal abgesehen, keine Ferien, keine Unterbrechung. Und den Buß- und Bettag bekamen wir ja wieder abgeschafft.

Bei Telepolis gab es aber außerdem auch keinen Urlaub in dieser Zeit, weil da schon die Kollegen mit Kindern (also *der* Kollege mit Kindern, wir waren ja nur 2,5 Leute) dran waren und das vorging.

Aber ein Wochenende sollte doch möglich sein? Einen Tag hinfahren, einen Tag treffen und den Arbeitsplatz der zukünftigen Autorin ansehen, einen Tag wieder zurückfahren.

Ich bat also alle Autoren, mir die Artikel diesmal bis Donnerstag abend oder spätestens Freitag Mittag zu liefern, damit ich am Wochenende nicht arbeiten mußte.

Einer tat es „natürlich“ nicht, lieferte dann Freitag abend an Florian Rötzer mit dem Kommentar, ich sei ja weg… 😦

Da in dem Vorort von Dresden kein D2-Empfang war, bekam ich vom sich zusammenbrauenden Ärger nichts mit. Erst bei der Rückfahrt, bei einem Imbiß-Stop, von wo ich zuhause anrief, erfuhr ich vom Desaster.

Nein, auch am Wochenende gibt es bei Telepolis keinen Urlaub (wobei man für Samstag Sonntag bei Heise ohnehin keinen Urlaub beantragen kann, weil es ja offiziell gar keine Arbeitszeit ist), und für das Treffen neuer Autoren schon zweimal nicht!!!

Die potentielle Telepolis-Autorin weigerte sich nach diesem Vorfall, tatsächlich für Telepolis zu schreiben, weil sie es nun statt wie zuvor als Plus eher als Makel in ihrem Lebenslauf betrachtete unter diesen Umständen, die sie zuvor nicht kannte. Damit hatte sie wohl recht. Für mich ergab sich so das zweite Problem, daß Florian Rötzer die Sache für erstunken und erlogen befand.

Er hätte aber Artikel der Astronomin nach diesem Theater vermutlich ohnehin nicht angenommen…

Achja, und Telefonieren gehört sich übrigens auch nicht. Auch wenn mir so manche Autoren und Informanten ein Ohr abgekaut haben, auch jammernd Samstag abend um 1/2 9. Aber mit mir hat sich Florian Rötzer selbst zuletzt geweigert zu telefonieren. „Für sowas habe ich keine Zeit“. Man redet nicht miteinander im Online-Journalismus..auch nicht im Team…so etwas gehört sich nicht, ist korrupt etc. bla bla…

*seufz*

Ärgerlich ist nur, daß ich wirklich etliche Kontakte zu Telepolis gebracht oder dort kennengelernt hatte und mit einigen davon natürlich den Kontakt abbrechen mußte, weil sie sonst Ärger befürchteten…

Von daher muß man im Journalismus mühsam aufgebautes Kontakt-Potential (für jemand, der nicht total extrovertiert ist, sind Kontakte immer eine Anstrengung…) in den Job einbringen und das bleibt dann dort. Anders als im Vertrieb, wo die Leute umgekehrt gerne die Kundenkartei zum nächsten Arbeitgeber mitnehmen, was sie natürlich nicht dürfen…

Ebenso hat man als Redakteur den ganzen Tag im „Stall“ zu sitzen. Das Leben draußen, das gehört nicht mehr dazu.

Das ist in normalen Jobs außerhalb des Vertriebs, für den nicht jeder gebaut ist, zwar auch so. Nur entspricht es halt überhaupt nicht dem, was normale Leser von Journalisten erwarten. Nämlich sich Sachen auch mal selbst anzusehen und nicht nur im Netz.

Ständig auf Ortstermin oder ständig Geschwätz am Telefon ist natürlich auch nicht der richtige Weg. Aber die absolute und ausschließliche Online-Recherche ist definitiv kein Journalismus.

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Kommentare

1. Journalismus und Familie – geht das? | Notizen aus der Neidbranche - 25. März 2015

[…] In meinem letzten journalistischen Job gab es sogar eine extra Rubrik “Kinder & Familie“. Die war aber für einen Kollegen eingerichtet worden, der mit einer Kollegin Zwillinge in die Welt gesetzt hatte und die Verärgerung des Chefs über diese Tatsache war unübersehbar. Immerhin konnte der Kollege vom Home Office aus arbeiten, was mit Kindern absolut kein Vergnügen ist, aber er konnte so seinen Job behalten. Dafür durfte ich nicht mal am Wochenende neue Autoren aquirieren. […]

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