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Journalismus und Familie – geht das? 25. März 2015

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches, Pleiten, Pech und Pannen.
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Klare Antwort: NEIN!

Schon eine Freundin zu haben, ist für einen Journalisten kaum machbar. Ich bekam bei einem Hamburger Computerblatt Sprüche zu hören wie

Was, Sie haben eine Freundin? Davon stand aber nichts im Arbeitsvertrag! Das hindert Sie ja am vollen Einsatz bei uns!!!

Als die Freundin dann Lungenentzündung hatte, ebenso wie ein Kollege, mußte ich mit 39°C Fieber weiter ins Büro:

Wenn Du zum Arzt gehst, bekommst Du die Papiere

Die so ein halbes Jahr verschleppte Grippe endete schließlich mit dem Kollaps und damit war auch der Job beendet. Was auch besser so war – zwei Kollegen sind am Schreibtisch gestorben, einer definitiv genau an diesem – verschleppte Grippe.

Doch auch in einem späteren Job bei einem Münchner Elektronikblatt war meine Zeit abgelaufen, als ich meine Freundin wegen Zusammenbruchs ins Krankenhaus bringen mußte. Wie sich herausstellte, war eine Lungenembolie die Ursache – Spätfolge jener Lungenentzündung in Hamburg, sie war ebenso wie ich nie wieder ganz auf die Beine gekommen. Bei mir beschränkte sich das auf reduzierte Fitneß, bei ihr war es ernster. Doch der Chef fand es absolut fehl am Platz, wegen so etwas sich ohne Vorwarnung im Büro abzumelden. Wobei nichts Dringendes anstand und genug Urlaubstage da gewesen wären.

In meinem letzten journalistischen Job gab es sogar eine extra Rubrik „Kinder & Familie„. Die war aber für einen Kollegen eingerichtet worden, der mit einer Kollegin Zwillinge in die Welt gesetzt hatte und die Verärgerung des Chefs über diese Tatsache war unübersehbar. Immerhin konnte der Kollege vom Home Office aus arbeiten, was mit Kindern absolut kein Vergnügen ist, aber er konnte so seinen Job behalten. Dafür durfte ich nicht mal am Wochenende neue Autoren aquirieren.

Eine Heirat oder gar ein Kind konnte ich mir deshalb im Journalismus niemals vorstellen, zumal meine Partnerin nun nicht mehr gesund genug hierfür war. Doch oft maulten frustierte Chefs ohnehin, daß Frauen und Familie Scheiße seien oder ich von Frauen ohnehin nichts verstünde.

Elternzeit? Wäre für mich unvorstellbar gewesen, mehr als 14 Tage Abwesenheit vom Arbeitsplatz sind im Journalismus undenkbar, sobei man auch dann nicht wirklich „offline“ sein darf, und in kleineren Einheiten als monatsweise gibt es die Elternzeit nun einmal nicht.

Und in den PR-Agenturen schaut es auch nicht besser aus. Es ging dieser Tage ein solcher Fall durch die Branchenmedien, der natürlich kein Einzelfall ist. Und ich würde Männern auch in anderen Jobs mehr als die zwei Monate Mindest-Elternzeit nicht empfehlen, außer sie haben danach einen neuen Job bei einem anderen Unternehmen ganz sicher an der Hand.

Bei Frauen wird das Elternzeit-Risiko durch die schlechtere Bezahlung ausgeglichen, was natürlich trotzem nicht davor bewahrt, bei der Rückkehr aus der Elternzeit die Papiere bekommen zu können. Im Gegenteil, da sie häufiger und länger Elternzeit beantragen, sind sie auch öfter von Kündigungen danach (während ist es ja verboten) betroffen. Das passiert jeden Tag, ständig, nicht jedem und nicht überall, aber doch so häufig, daß es für Arbeitsrechtler Routine ist. Eine traurige Routine…

Und da wundert man sich, daß die Deutschen aussterben? Man muß schon viel Idealismus haben (oder besoffen ins Bett gestiegen sein), um in diesem Land Kinder auf die Welt zu bringen….

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