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Wie der Journalist es macht, macht er es falsch 26. Oktober 2016

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches, Pleiten, Pech und Pannen.
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Gestern abend war eine sehr interessante Podiumsdiskussion zu den Medientagen im Münchner Litaraturhaus unter dem Motto

„Nizza, München, Ansbach – Journalisten im Krisenmodus.
Breaking News im Zeitalter des digitalen Stammtisches“

Durch den Druck der sozialen Netzwerke müssen Medien heute deutlich früher berichten. Live-Berichterstatter haben sofort zu entscheiden, was sie senden und was nicht – was Fakt ist und was Fake. Kritisiert für diese Entscheidung werden die Journalisten in jedem Fall.

Es diskutierten:

  • Julia Bönisch, Stellvertretende Chefredakteurin SZ.de
  • Ralf Exel, Journalist und Moderator für ProSiebenSat.1
  • Richard Gutjahr, Blogger, Journalist, Moderator u.a. Bayerisches Fernsehen
  • Markus Knall, Chefredakteur von Merkur.de, tz.de und der Zentralredaktion der Ippen-Gruppe
  • Anja Miller, Redaktionsleiterin BR Rundschau

Es moderierte Thomas Morawski, Fernsehjournalist und früherer Leiter des ARD-Studios Wien.

Und dieses Motto war sehr passend – das Ganze war echt Stammtisch.

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Nein, damit ist nicht das Podium oder die Location gemeint – es war sehr gemütlich in der Bibliothek und es gab nur Wasser. Und die Podiumsdiskussion lief sehr gesittet und vernünftig seitens aller Beiteiligten, die an dem Abend wohl das Meiste richtig gemacht haben.

Doch als Publikumsfragen gestellt werden durfen, da wurde es zum Stammtisch. Bzw. zur Kollegenbeschimpfung.

Jeder Fußballtrainer hat immer 60.000 „bessere Trainer“ im Stadion sitzen, die ganz genau wissen, was er alles falsch gemacht hat und was sie viel besser gemacht hätten.

So ergeht es einem Journalist mit den Lesern/Zuschauern genauso.

Daß aber auch die eigenen Kollegen alles besser wissen…der eine fand die Berichterstattung zur OEZ-Schießerei Panikmache, weil doch völlige Ruhe geherrscht hätte in dem Biergarten, in dem er saß, der andere wiederum sah es genau andersrum, weil um ihn herum sich Leute ängstlich in Hauseingänge drückten (woran Tweets und Facebook-Posts schuld waren und keine Medienberichterstattung), wieder einer beschwerte sich, es sei stundenlang das Gleiche gesagt worden (ja nun, mancher schaltet erst später ein, soll der dann nix mehr erfahren?)…und schon am Abend des Attentats gab es einen BJV-Kollegen, der sich darüber echauffierte, daß auf irgendeinem von 20 kontrollierten TV-Kanälen noch ein Spielfilm lief, während genau das wieder ist, was andere wollen…

Was Stefan Niggemeier so gerne kritisiert, nämlich daß sich Journalisten nicht kritisieren, sondern eine geschlossene Kaste sind, bei denen einer dem anderen nicht ans Bein tritt, davon kann wirklich keine Rede sein. Es hatte wirklich jeder eine andere Meinung.

Einziger Unterschied zu den Lesern: Die Kritik kommt dennoch noch mit Anstand und nicht unter der Gürtellinie. Und daß 100 Leute 100 Meinungen haben, ist auch klar. Aber es braucht wirklich keiner zu glauben, daß Journalisten ihren Kollegen nicht sagen, was sie anders machen würden. Nur kann es eben in solchen Situationen niemand perfekt machen. Das geht nicht.

Erstaunlich war, daß niemand sich darüber beschwerte, daß die Polizei bzw. deren Pressesprecher selbst sehr aktiv und sachlich kommunizierte am Abend der OEZ-Schießerei und damit eigentlich eine eigene Medien-Platform für die Öffentlichkeit eröffnete statt nur die Medien zu informieren. Wenn die Feuerwehr selbst Berichte und Fotos von Einsätzen macht, wird das ja gar nicht gern gesehen, weil es die Reporter der Zeitungen (die meist auch noch frei arbeiten und nicht angestellt) arbeitslos macht. Aber bei so einem Ereignis ist glaube ich jeder Journalist froh, nicht selbst alles verkünden zu müssen – und die Bevölkerung beruhigt ein Tweet der Polizei dann doch mehr als einer von BILD…

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