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Über die Inkompatibilität von Frontalunterricht und Mitschreiben, oder auch „Die Grünen sind an Tschernobyl schuld!“ 14. April 2017

Posted by DL2MCD in Grund und Sätzliches, Nervensägen.
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Hm, beide Titel passen nur begrenzt. Aber es geht um meine Meinung zu unserem heutigen Schul- und Hochschulsystem. Für Leute wie mich ist der klassische Frontalunterricht jedenfalls nichts, zumindest, wenn er mit Mitschreiben verbunden ist. Wenn ich etwas immer gehaßt habe, so war es das Mitschreiben müssen in Schule und Uni.

In der Schule mußte man jeden Satz, den der Lehrer vorne an der Tafel quasselte, wortwörtlich mitschreiben. „Pfeifffer mit drei F“ hat das in der Feuerzangenbowle als Gag gemacht bzw. um den ulkigen Vortrag des Lehrers für die Ewigkeit festzuhalben. Wir dagegen mußten das tun, und wenn man auch nur abkürzte, gab es Ärger, das wurde kontrolliert!

Ich kann aber nur entweder dem Vortrag entspannt folgen und mitdenken oder mitschreiben. Wenn ich die ganze Stunde mitschreibe, so hatte ich nicht nur ein Heft voller Geschmier, das keiner mehr lesen konnte, ich auch nicht, denn ich konnte einfach nicht so schnell lesbar schreiben wie der vorne quasseln konnte. Ich wußte auch nachher nicht, worum es gegangen war!

Ja, es wird uns immer erzählt, daß man sich Sachen besser merkt, wenn man sie sich aufschreibt. Das gilt aber nur, wenn man selbst entscheiden darf, was man aufschreibt. Muß man dagegen alles aufschreiben, ist man mit Schreiben so ausgelastet, daß zum Mitdenken einfach keine Zeit mehr bleibt.

Prof. Karl Tetzner, der die Funkschau einst groß machte, löste dieses Problem auf Pressekonferenzen übrigens immer so, daß er aufpaßte und Fragen stellte und seine Frau mitschrieb. Der nahm sie also keineswegs mit auf Tour, damit sie auch ein Mittagessen bekommt, wie manch Neider ihm unterstellte.

Leider ging das bei mir in Schule und Studium natürlich nicht und als ich in Pressekonferenzen saß, gab es meist schriftliche Unterlagen, sodaß man nur das aufschrieb, was besonders wichtig war.

Es gibt zwar immer wieder mal besonders „schlaue“ Vortragende, die das Skript erst nach der Pressekonferenz rausrücken, damit alle „aufpassen“. Wie in der Schule. Also im Klartext: Damit alle was aufschreiben müssen und keiner nervige Fragen stellen kann. Denn ja: Auch wenn man uns etwas anderes erzählt hat, das will manch Unternehmen wie z.B. LeCroy keineswegs, daß man interessiert ist und Fragen stellt, wie ich sehr teuer herausfinden mußte.

In der Uni war das Ganze dann noch verschärft: Da saß vorne einer, der sein Skript fertig geschrieben von der Rolle über den Overheadprojektor spulte. Geschrieben hatte er das nach dem Buch seines Vorgängers, der dieses wiederum nach den Vorlesungen seines Vorgängers geschrieben hatte. Es war also extrem langweilig und unverständlich.

Nur damit man nicht zu gut mitlesen und mitdenken konnte, mußte man es a) wieder mitschrieben und b) wurde es immer so abgedeckt, daß nichts zu lesen war, das noch nicht ausgesprochen war. Was dann das Mitschreiben noch schwerer machte – es durfte ja kein Abschreiben sein…

Die Anwesenheit in einer solchen Veranstaltung namens „Vorlesung“ war völlig sinnfrei, denn wenn man dem Prof. auch nur irgendeine Frage zu seinem Vortrag stellte, konnte er diese nicht beantworten. Er konnte wirklich nur seinen Text ablesen. Aber glücklicherweise gab es im Gegensatz zur Schule keine Präsenzpflicht in Vorlesungen.

Deshalb sparte ich mir die Zeit und suchte mir stattdessen Studenten des Vorsemesters, die mich ihr Skript im Copyshop kopieren ließen. So hatte ich a) ein lesbares Skript, b) konnte ich das in Ruhe in meinem Tempo selbst durchlesen und verstehen, c) sparte ich mir sehr viel Zeit.

Nur einmal ging das total schief:

In Energietechnik, wo es also um Strommasten, Kraftwerke & Co. ging, hatten wir einen besonders „netten“ Prof. Der erklärte uns in der ersten Vorlesung erstmal, daß an Tschernobyl einzig und allein die Grünen schuld seien. Auch kam in jeder Prüfung eine Aufgabe mit der Berechnung der Wirtschaftlichkeit eines Kohle- und eines Atomkraftwerks vor. Falls man dabei herausbekam, daß das Kohlekraftwerk wirtschaftlicher ist, wußte man, daß in der Rechnung ein Fehler stecken mußte, denn das hatte bei ihm nicht herauszukommen!

Damit entschied ich, daß ich von diesen Herrn nichts lernen könne und ging nie mehr in die Vorlesung bis zur Prüfungsanmeldung, wo er dann natürlich prompt anmerkte, daß er mich in der Vorlesung nie gesehen habe…

Das Skript hatte ich wie sonst auch vom Vorsemester kopiert und danach gelernt.

Nur hatte der Armleuchter extra eine Aufgabe so verändert, daß man sie mit dem Stoff des Vorsemesters nicht lösen konnte, und gab auf diese über 50% der Punkte. Man konnte also die Prüfung nicht bestehen, wenn man nicht tatsächlich in seiner Anti-Öko-Vorlesung gewesen war!

In der Schule ist so eine Punkteverteilung verboten, an der Hochschule jedoch nicht.

Für mich ärgerlich. Für alle jene eine Katastrophe, die tatsächlich im Vorsemester gewesen waren und damals bei desem Herrn durchgefallen waren. Die fielen jetzt vollautomatisch nochmal durch und damit war ihre Hochschullaufbahn beendet. Man kann nur einmal wiederholen. Wer AKWs nicht mag und die Mist_Vorlesung sich nicht noch ein zweites Mal antun wollte, durfte auch kein Ingenieur werden!

Die so reingelegten Studenten wollten umgehend den Prof. verprügeln, die Studentenvertretung mußte einschreiten, um das zu verhindern, weil dann natürlich alle exmatrikuliert worden wären. Zu retten war dennoch nichts, sie hätten ihn auch verprügeln können: Alle mußten gehen! Ohne Ausnahme.

Da man eine zu wiederholende Prüfung im nächsten Semester nicht bei demselben Prof. schreiben mußte, wo man zuvor durchgefallen war, tat ich dies natürlich dann auch nicht, ich hatte ja gesehen, was dabei rauskommt. Ich schrieb sie bei einem anderen Prof. und bestand diesmal.

Was das Ekel mit seinem blöden Satz „die Grünen sind an Tschernobyl schuld“ gemeint hatte, wurde mir erst viel später klar: in Tschernobyl war ja das Notkühlsystem getestet worden, wobei der Reaktor explodierte, weil er entgegen aller Vorschriften gefahren wurde. Nur deshalb der Tatsache, daß Notkühlsysteme auch auf Funktion getestet werden müssen, auch noch die Schuld an der Katastrophe zu geben, das war schon sehr zynisch.

Und im Endeffekt war es für mich besser, so aufgrund meines Vorsemesterskripts beim ersten Mal durchzufallen und dann die Prüfung beim zweiten Mal woanders zu machen. Denn bei dem Prof. bestand fast keiner, ob er nun in der Vorlesung gewesen war oder nicht.

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